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Tristans Kolumne

Tristans Zwischenwelt

5:17 Uhr

Seit einer Stunde liege ich wach. Übungen im Wiedereinschlafen habe ich über Bord geworfen. War es zunächst nur ein leiser Gedanke, der sich ins schlummermüde Bewusstsein quetschte, brachen alsbald alle Dämme. Kennt man ja, wenn zuviel Leben in einem arbeitet. Chancenlos, an Tagen wie diesen den Alltag wegzuschieben und wieder einzuschlafen. Das Leben schimmerte in all seinen Fürs und Widers aus dem Headoffice hervor, Facetten von sich ergänzenden und widersprechenden Sichtweisen tanzten munter durch die Nacht – nicht ohne sich durch die Garderobe passender Emotionen zu probieren.

Ist das schon Leidenschaft: diese enge Verbindung von Gedanken und Gefühlen? Diese Allianz, die sich mitunter so stark macht gegenüber meinen unnachgiebigen Bestrebungen, ihnen die Richtung vorzugeben statt sie mir vorgeben zu lassen? Ich vermute es. Laut Wikipedia ist Leidenschaft das Gefühl einer völlig ergreifenden Emotion und beschreibt die intensive Verfolgung von Zielen. Leidenschaft ist nicht nur emotionale Hingabe, sie ist Wesen und Lebenskraft. Leben heißt Ziele verfolgen. Nahezu jeder Mensch, der dem Leben Sinn und Glücksspende abgewinnen kann, ist leidenschaftlich. Zu leben erfordert Leidenschaft. Aufzugeben heißt Leidenschaft und Lebensmut einbüßen. Und wahrscheinlich, in Nächten wie diesen offenbart sich das, gibt es neben den bekannten Suchtformen auch Lebenssucht, die Sucht der Gedanken, der Visionen und der Gefühle.

Ich bin aufgestanden, hab mir einen Kaffee gemacht, pfeif auf die zwangsläufig zerfasernde Tagesstruktur, die vor mir liegt. Durch das neben meinem im Halbdunkeln stehenden Laptop angeklappte Fenster klingt das Frühlingsorchester einer munteren Vogelschar. Ruft in Verbindung mit diesem süßlichfrischen Morgenduft alte Erinnerungen wieder in mir auf. Erinnerungen daran, als ich beinahe regelmäßig ins sonntägliche Morgengrauen durch die menschenleeren Straßen meiner Heimatstadt gelaufen bin. Mir die Stadt holte, wie ich sie am liebsten mag: still und jungfräulich, in graues Rosé und Spatzengesänge getaucht. Gern lief ich mitten auf der Verkehrshauptschlagader entlang. Ein Genuß, sich die Welt nach eigenen Regeln zueigen zu machen und nicht in vielfacher Hinsicht Rücksicht auf Menschen, Fahrzeuge, Regeln, Meinungen und zahllose Eindrücke nehmen zu müssen. Einfach ein kleines Gefühl von Freiheit zu pflegen, mit dem Fotoapparat grobkörnige Schwarzweißbilder von eben diesem Gefühl zu machen.

Mitunter nehme ich die Fotos noch heute in die Hand, kann den Straßenzügen, Winkeln und Gassen meiner Stadt diese Stimmung unverbrauchten Lebens entnehmen, das so viele Jahre noch gar nicht her ist. Was sind eigentlich „viele Jahre“? Zehn? Achtzig? Wie ich hier meinen Kaffee trinke und tippe, kommt mir das alles sehr kurz vor: eine Lebensspanne… Sind nur eine satte Handvoll Jahre, ein kosmisches Aufblitzen, das mit uns so viel macht, und so viele Chancen und Möglichkeiten und ja, auch Abgründe bietet. Sicher ist nichts, alles fließt. Oder halt, doch: Sicher ist, woran wir glauben, wofür wir brennen, was unsere Leidenschaft erfüllt…

Ich glaub, ich werd den Laptop wieder runterfahren, rausfahren an den morgenstillen Strand ...

Tristan Rosenkranz

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Lasst mich bloß in Ruhe!

Gelegentlich schweiften die Unterrichtsthemen meiner Fachwirtqualifikation in Bereiche wie „Pfändungskonten“ oder „Erbschafts-“ und „Bestattungsrecht“ ab. Schiebt man gerne vor sich her, sollte man aber mal drüber reden, man wird ja schließlich älter oder die Eltern sterben oder ähnliches. Nicht, dass ich das will, nein. Ich will mitnichten das Sterben verharmlosen oder glorifizieren. Ich hab in keinster Weise Lust darauf, mich mit einem etwaigen Dahinsiechen meiner Eltern auseinander zu setzen, die gottlob zudem noch sehr vital sind.

Und seien wir doch mal ehrlich: Wer von uns denkt bei Dokumentationen oder Reportagen übers Bestattungswesen an sich und seine Familie? Wohl die wenigsten, ich jedenfalls nicht. Und viele andere, die ich kenne, auch nicht.

An was wohl allerdings jeder mal denkt, ist die Vorstellung von der eigenen Beerdigung. Und da wird’s dann auch schon mal konkreter. Ich zum Beispiel hab weder Lust darauf, als Asche von Keith Richards weggeschnupft zu werden, noch steh ich drauf, wie in Berlin geschehen, gemeinsam mit Müll in den Krematoriumsofen geschoben zu werden. Bin ich mal gestorben, lasse man mich bitte in würdevoller Ruhe ewiger Erinnerung entgegen sinken. Ganz sachte ... Was aber ist Würde in diesem Kontext, abgesehen von den mitunter fragwürdigen Methoden des Bestattungswesens?

Hmm ... Friedwälder find ich ganz okay, auch hab ich kein Problem damit, über die Reling eines Kreuzfahrtschiffs ins salzige Nass oder aus dem Flugzeugrumpf in den Äther zu rieseln. Und irgendwie ist es auch eine ganz besondere Ehre, als Diamant am Finger eines Herzmenschen zu enden. Jeden Tag Haut an … Ring.

Was allerdings, und hier stimme ich mit dem Klassenkonsens obengenannter Fortbildung überein, als absolutes „No Go“ zu benennen ist, ist eine dieser schnöden Urnen, in der meine Asche grauem Nichts entgegendämmert. Ich meine, was kann da noch zu erwarten sein? Eben! Zeit und Raum sind over and out, nicht mal mehr die Chance molekularer Fortentwicklung (Fischfutter, Verwesung) ist gegeben, man endet an diesem Punkt, während der Schutzraum Urne verstaubt.

Und wenn man dann noch an jene denkt, die sich die Urne irgendwo auf den Fernsehschrank stellen – gruslig! Ich meine, ich will meine Ruhe haben, und nicht tagein tagaus mit irgendwelchem Soapschrott beschallt werden oder die Schmatz-, Streit- und/oder Körpergeräusche meiner Nachkommen vernehmen müssen. NEVER!

Eigentlich kann Sterben (nicht der Prozess an sich, der Abschluss) so einfach sein. Wenn man alle Etwaigkeiten bedenkt. Und da nicht eben auch die kollidierenden Interessen der ein oder anderen Erben wären ...

Tristan Rosenkranz

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