Ein Spaziergang, die Hunde trotten neben mir her, die Sonne scheint. Die Natur blüht, die Farben um mich, so intensiv und leuchtend. Alles um mich herum ist friedlich.
„Nein, ich sehe keinen Film“, sage ich mir. Das, was ich sehe, ist echt, und ich bin mittendrin. „Was für eine grandiose Erkenntnis“, denke ich mit einer Prise Selbstironie und muss innerlich
schmunzeln.
Oft bin ich diesen Weg gegangen, aber heute ist etwas anders. Etwas, das mich innerlich berührt, das mich fast anstupst und mich langsamer gehen lässt. Eine Frage klopft an und zieht sich
unangenehm in meine Magengegend. Um mich herum ist es friedlich, aber ist es in mir denn auch so?
Ich spüre eine Einladung: „Sei herzlich willkommen, setz dich nieder, ruhe dich eine Weile aus und genieße.“
So ist es mir, als höre ich eine leise, sanfte Stimme, die durch den Wind zu mir getragen wird. Ich schaue mich um und sehe, vielleicht zum ersten Mal bewusst, diese hübsche Bank, die bestimmt schon lange dort steht. Doch heute nehme ich sie anders wahr. Sie scheint mich einzuladen, auf ihr Platz zu nehmen und mich auf meine Umgebung einzulassen, still zu sitzen, statt gedankenversunken weiter vorwärts zu hasten. „Nach Bewegung folgt eine Phase der Ruhe“, höre ich es wieder in mir klingen.
Plötzlich fühle ich Dankbarkeit. Dankbarkeit für diese Erinnerung zum Innehalten. Wie oft habe ich wohl Einladungen zum Ausruhen erhalten, die ich nicht bemerkte? So nehme ich Platz auf dieser kleinen Bank, die mich daran erinnert, meinen Atem bewusst fließen zu lassen und wahrzunehmen, dass auch ich ein Teil dieser wunderbaren Schöpfung bin.
Die Hunde legen sich nieder und scheinen die kleine Rast ebenfalls zu genießen. Trotz aller Eile, die mich antreibt, beschließe ich, mir ein paar Minuten zu nehmen, um diese Sinfonie aus
Licht, Luft, Erde, Wasser und Lebensenergie durch alle Poren aufzunehmen. Mit allen Sinnen einzuatmen. Zu entspannen. Zur Ruhe zu kommen.
Und dann plötzlich spüre ich: ES atmet mich.
Ich bin ein Teil des Pulsschlags der Erde, ein Hauch des Rauschens des Windes, ein kleines Blatt eines Baumes, der seine Wipfel im Takt des Windes wiegt, ohne zu zerbrechen, eine
kleine Schaumkrone auf der Meereswelle, ein Regentropfen, der in der Erde versinkt und sie fruchtbar macht, ein Funke der Sonnenstrahlen, die alles wachsen lassen.
Die symbiotische Kraft der Natur kommt aus der Stille, und dennoch steht sie niemals still. Sie ist stets in Bewegung, auch unsichtbar, transformiert sich, gebiert sich selbst immer wieder neu, lebt ...
In diesen kurzen Augenblicken kann ich alles sehen, hören und fühlen. Ich spüre die Verbundenheit mit all jenem, in das wir eingebettet sind. Ich freue mich, diese Einladung angenommen zu
haben und bin dankbar dafür, dass jemand den Gedanken hatte, diesen Platz zum Innehalten zu schaffen. Meine Gedanken fließen ruhig, und bevor es weitergeht, spüre ich in diesem kurzen
Moment: Der Schöpfer muss uns sehr lieben ...
Man sieht sie in Griechenland überall und immer. Vornehmlich in ländlichen Gegenden, an Straßen, Wegen oder Pfaden, in den Berg eingebettet, am Strand oder auf einen freien Feld und mitunter auch
in einem Garten, vor einem Haus oder an dessen Weggabelung.
Diese kleinen religiösen Miniatur-Kirchlein oder Häuschen, die, auch wenn sie schon verwittert sind und windschief stehen, dennoch liebevoll bestückt sind mit Lichtergefäßen, die aus einem
speziellen Docht, welcher in einem runden Korkenstück olivenölgetränkt auf dem Öl schwimmt, ihre Brennkraft ziehen, Ikonen, Blumen, Weihrauch und Räucherkohle, sodass ein jeder Vorbeiziehende
anhalten und das Licht neu entfachen, etwas Weihrauch entzünden oder einfach einen kurzen Moment verweilen kann, in ein kleines, andächtiges Gebet vertieft, und sich dann, bekreuzigend, weiter
auf seinen Weg macht. Daher nennt man sie auch „Proskinitaria“, was sinngemäß übersetzt soviel wie „Anbetungsstätte“ bedeutet.
Diese kleinen religiösen Gebetsstätten haben in der griechisch-orthodoxen Tradition eine bedeutende Rolle und dienen verschiedenen Zwecken:
Votivgaben und Dank: Viele dieser Miniatur-Kirchen werden von Einzelpersonen oder Familien aufgestellt, um Gott oder Heiligen für erhaltene Gnaden oder Gebetserhörungen zu danken. Sie können auch
als Zeichen des Glaubens oder des Schutzes aufgestellt werden, um sich vor Unfällen oder Gefahren zu bewahren.
Erinnerung an Unfälle oder Tragödien: Oft werden diese kleinen Kapellen entlang von Straßen oder an gefährlichen Kurven aufgestellt, um an tragische Unfälle zu erinnern. Sie sind eine Art
Gedenkstätte für die Opfer und eine Bitte um göttlichen Schutz für die Reisenden.
Religiöser Schutz: Es ist in Griechenland üblich, solche kleinen Anbetungs- und Gebetsstätten aufzustellen, um Gottes Segen oder den Schutz eines bestimmten Heiligen zu erbitten, zu dessen Ehren
viele Gebetshäuschen errichtet werden, besonders bevor man auf Reisen geht oder sich einer schwierigen Situation gegenübersieht. Sie bieten somit auch den Gläubigen spirituellen Trost und
Sicherheit.
Erhalt religiöser Traditionen: Diese kleinen religiösen Stätten sind auch Ausdruck des tief verwurzelten Glaubens und der Tradition der griechischen Bevölkerung. Sie tragen zur spirituellen
Landschaft Griechenlands bei und sind ein sichtbares Symbol für den Glauben der Menschen, der in vielen alltäglichen Aspekten ihres Lebens präsent ist. Sie geben Gläubigen auch außerhalb der
Kirche einen Raum, um innezuhalten, ein Gebet zu sprechen oder ein kleines Opfer in Form von Blumen, Weihrauch oder einer Kerze darzubringen.
Denn jedes Stück trägt eine persönliche Geschichte desjenigen, der es mit Herzblut aufgestellt hat.
