Aphrodites Geschenk

Ein Strand irgendwo in Griechenland, ein ganz besonderer Strand … Ich liebe seinen feinen, sandigen Kies, in den meine Füße beim Spaziergang im kühlen Meerwasser einsinken. Dann spüre ich die Verbindung von Erde und Wasser, bin ein Teil von all dem. Das Panorama ist einzigartig, und mein Blick schweift in die Ferne, schier unendlich scheint das Meer bis an den Horizont zu reichen, das von Saphirblau bis Smaragdgrün schimmert. Ich koste einen Hauch von Grenzenlosigkeit, von Freiheit, spüre wie eine sanfte Brise mein Gesicht streichelt. Ein kurzes Gefühl der Glückseligkeit macht sich bemerkbar. Ich gehe weiter, den Strand entlang, möchte den Moment festhalten und schaue zu, wie das Meer in sanften Wogen meine Füße am Uferrand berührt. Wie eine zarte, scheue Berührung, die um Aufmerksamkeit bittet.

 

Und dann sehe ich sie plötzlich. Inmitten tausender kleiner, feiner Kieselsteinchen und Sand liegt sie vor mir, zu meinen Füßen und fängt meinen Blick mit ihrer Schönheit. Eine zartrosa Meeresschneckenmuschel, mit ihren filigranen Windungen, in denen an manchen Stellen noch der Perlmutt schimmert. Obwohl sie schon so lange im salzigen Meerwasser gelegen haben muss und ihre einst stolze Spitze abgerieben ist, hat sie nichts von ihrem Glanz verloren. Im Gegenteil, in meinen Augen ist sie wunderschön. Wie sie jetzt dort liegt, eingebettet in den Kieselsand, so nah am Wasser und doch zu fern, als dass es sie noch erreichen könnte, strahlt sie eine fast majestätische Eleganz aus. Sie muss sehr alt sein und viele Stürme überstanden haben …

Ich bin fasziniert, dass dieses hübsche kleine Wunder der Natur mir direkt zu Füßen liegt und meinen Spaziergang unterbricht. Ein Gedanke huscht durch meinen Kopf während ich sie aufhebe, in meiner Hand drehe und von allen Seiten betrachte. 'Aphrodite hat sie mir geschenkt', höre ich mich denken, und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Aphrodite, die Schaumgeborene, Göttin der Schönheit, der Liebe und der Sinnlichkeit.

  

Aphrodites Geschenk ziert nun mein Bücherregal und immer, wenn ich die Muschel ansehe, denke ich daran, dass wahre Schönheit im Auge des Betrachters liegt, der sie findet und erkennen kann. Und manchmal nehme ich sie aus dem Regal, benetze sie mit Wasser, und erfreue mich an ihrem zartrosa und perlmuttschimmernden Glanz, den sie erhält, wenn sie in ihrem Element ist. In diesen Momenten glaube ich, die Anwesenheit der Göttin selbst zu spüren. Sie erinnert mich daran, wieviel Schönheit mich doch umgibt. Dann wird mein Herz von einer Welle aus Dankbarkeit durchflutet. Dankbarkeit dafür, lebendig zu sein, für mein Leben selbst, mit allen Höhen und Tiefen. In diesen Augenblicken fühle ich mich von den Göttern geliebt, besonders von der Einen …